MARCUS SCHWIER: „RAVENSBURG“

Marcus Schwier (geb. 1964) ist einer der bekanntesten und international erfolgreichsten deutschen Photographen der Gegenwart. Seine neue Werkserie mit dem Arbeitstitel „Stadtportraits“ wird als Auftakt im Kunstmuseum Ravensburg vom 27. Januar – 8. April 2018 gezeigt. Weitere Stationen der „STADTPORTRAITS“ sind Düsseldorf und Fürth.

Unter dem Ausstellungsformat »Fremde Blicke« im Kunstmuseum Ravensburg wurde der Düsseldorfer Photograph Marcus Schwier eingeladen, die Stadt Ravensburg zu besuchen. Er studierte von 1993 bis 1998 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Ernst Kasper mit dem Schwerpunkt Fotografie. Sein Mentor war Erwin Heerich. Marcus Schwier experimentiert seit über zwanzig Jahren mit dem Kodak Aerochrom Verfahren, einem Infrarot-Film, der während des Kalten Krieges entwickelt wurde, um mit Infrarotstrahlen verborgene feindliche Ziele in der Landschaft sichtbar zu machen. Für die Ausstellung im Kunstmuseum nutzt er diese Technologie, um die Stadt zu erkunden. Die von Schwier auf diese Weise zu Tage beförderten Ansichten überraschen: sie zeigen das Gewohnte, die Straßen, Plätze und Architektur auf eindrucksvolle Art und Weise in ihrer Farbgebung verändert. Das Alltägliche erscheint surreal und bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Auf diese Weise wird uns im wahrsten Sinne vor Augen geführt, dass auch unsere Wahrnehmung uns nur einen Bruchteil der »Realität« abbildet. Marcus Schwier gelingt es mit der Technik der Infrarotfotografie nicht nur die Grenzen unserer Wahrnehmung sichtbar werden zu lassen. Seine Werke bieten einmal mehr die Möglichkeit, die Physiognomie der Stadt bewusster zu erfassen und das Bekannte mit den Augen des Photographen neu zu sehen.

Kunstmuseum Ravensburg zeigt Marcus Schwier
Marcus Schwier: Ravensburg

 

Schwier untersucht mittels des Kodak Aerochrom Verfahrens jedoch keine Kunstwerke, sondern nutzt diese Technik, um die Welt zu erkunden. Für »Fremde Blicke« streift er gemäß eines Flaneurs durch Ravensburg. Bei seinen Spaziergängen geht es ihm jedoch nicht darum, der Langsamkeit zu fröhnen, wie es für die Flaneure der Pariser Bourgeoisie laut Walter Benjamin im 19. Jahrhundert schicklich war, sondern auf der Suche nach Begegnungen, verborgenen Geschichten und Blickwinkeln hält er seine Reflexionen direkt in Fotografien fest und schafft so eine Aufmerksamkeit für Ansichten, die uns entgehen, wenn wir schnelllebig von einem Ort zum anderen eilen. Die im Rahmen des Projektes »Fremde Blicke« mittels der Technik der Infrarotfotografie entstandenen Ansichten aus Ravensburg überraschen: Straßen, Plätze sowie Architekturen erscheinen auf eindrucksvolle Art und Weise in ihrer Farbgebung oder in ihren Hell-Dunkel-Kontrasten verändert. Das Gewohnte erscheint surreal und bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. 1938 notierte der Maler Max Beckmann in seinem Tagebuch: »Ich suche aus der gegebenen Gegenwart die Brücke zum Unsichtbaren – ähnlich wie ein berühmter Kabbalist es einmal gesagt hat: >Willst du das Unsichtbare fassen, dringe, so tief du kannst, ein – in das Sichtbare<«. Mit der Technik der Infrarotfotografie gelingt Marcus Schwier dies auf atemberaubende Art und Weise. Seine Fotografien führen uns im wahrsten Sinne vor Augen, dass auch unsere Wahrnehmung uns nur einen Bruchteil der »Realität« abbildet. So lassen seine Fotografien nicht nur die Grenzen unserer Wahrnehmung sichtbar werden. Seine Streifzüge führen Schwier auch an Orte, die zwar im kollektiven Gedächtnis erinnert werden, sich aber meist hinter verschlossenen Türen befinden. Er folgt den für die Stadtstruktur prägenden Wasserläufen aus dem Stadtzentrum heraus und erlangt Einblicke hinter die Kulissen, wie etwa in die Produktionshallen von ortsansässigen Industrien. Seine Werke bieten einmal mehr die Möglichkeit, die Physiognomie der Stadt bewusster zu erfassen und mit den Augen des Fotografen neu zu sehen.

Die von Marcus Schwier mittels Infrarottechnik in ihren Farben und Kontrasten surreal verfremdeten Fotografien treffen im Kunstmuseum Ravensburg bis April 2018 auf rund 70 farbgewaltige Malereien des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff. Diese besondere, von Dr. Nicole Fritz initiierte, Zusammenstellung ist durchaus gewollt und soll über die Einzelpositionen hinaus bei den Besuchern weitere spannende Beobachtungen anregen.

Text: Kunstmuseum Ravensburg